Matthias Berg sprach über "Kraft schöpfen - aber wie"

Volksbank-Chef Frithjof Grande (li.) und Vorstand Andreas Otto (re.) mit Referent Matthias Berg. Foto: Roland Keusch

Die Eltern von Matthias Berg taten von Anfang an genau das Richtige: Sie nahmen ihn überall hin mit. "Als ich dann meine Umgebung wahrnahm, da hatten sich schon alle Nachbarn an meine kurzen Arme und die insgesamt sechs Finger gewöhnt, ich hatte bis zu meinem zehnten Lebensjahr eine tolle Kindheit". So begann Matthias Berg am Dienstagabend in der Lenneper Klosterkirche seinen Vortrag "Kraft schöpfen - aber wie".

 

Eingeladen von der Volksbank Remscheid-Solingen gab der 51-jährige Jurist und Musiker, der sich zudem als Sprinter, Springer und alpiner Skiläufer an die Spitze des Behindertensports weltweit gekämpft hatte und als Hornist mit diversen Orchestern und Ensembles durch die Welt getourt ist, Einblicke in sein Leben als Contergan-Geschädigter. Schilderte anschaulich und voller Humor, wie sich Grenzen überwinden lassen und man den Graben zwischen Entschluss und Ausführung möglichst klein halten kann.

 

Als seine Eltern mit ihm als Zehnjährigem nach Trossingen umzogen - er nennt es ein kleines Kaff am Rande des Schwarzwalds, in dem man erst einmal drei Generationen lang gewohnt haben muss, um anerkannt zu werden - da habe er sich als "dreifach Behinderter" gefühlt: "Ich hatte kurze Arme, rote Haare und verstand kein Schwäbisch."

 

"Geh zurück ins Heim" riefen ihm die Schulkameraden zu.

 

"Kupferdächle", "Krüppel" oder auch "geh zurück ins Heim" riefen ihm die Schulkameraden nach. "Ich war kreuzunglücklich, habe ein ganzes Jahr kein Horn gespielt, obwohl mir das Üben immer Spaß gemacht hat".

 

Als Jungstudent, auf der täglichen Bahnfahrt nach Freiburg, habe er schließlich gelernt, dass man mit anderen ins Gespräch kommt, wenn man sich erst einmal gegenseitig angelächelt hat. "Ich habe gemerkt, dass ich kein Opfer sein muss, selbst etwas tun kann. Das hat mich aufgerichtet. Und mich inzwischen auch mit Trossingen ausgesöhnt", sagt er mit einem Augenzwinkern.

 

Kurz vor dem Abitur wurde er dann beim Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" ausgezeichnet und überlegte kurz, Profimusiker wie seine Eltern und seine beiden Geschwister zu werden. Er entschied sich dann, Musik und Jura gleichzeitig zu studieren und rückte schließlich noch im Sport in zwei Nationalmannschaften auf. "Das war eine Zeit, in der mir selten langweilig wurde. Ich war gezwungen, mich zu organisieren. Denn mit etwas aufhören, für das man begabt ist - nur aus Faulheit - das geht nicht", sagte Matthias Berg, der heute als Jurist in Esslingen arbeitet.

 

Die Frage nach dem Warum ("Warum habe gerade ich kurze Arme?") hat er in die Frage Wozu ("Wozu ist das gut?") umgewandelt. "Das ist die richtige Frage, weil man dann überlegen muss, welche Weichen man anders stellen muss", lautet das Fazit des vierfachen Vaters.

 

© RGA, 15.05.13, Sabine Naber