Prof. Dr. Raffelhüschen nimmt die Babyboomer in die Pflicht

von Axel Richter

Bild: Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen sorgte mit launigen Worten für Lacher. Doch die dürften vielen im Hals stecken geblieben sein.

Selten so viel Spaß gehabt. Doch dürfte am gestrigen Abend den rund 200 Gästen der Volksbank Remscheid-Solingen das Lachen an der ein oder anderen Stelle im Halse stecken geblieben sein.

Immerhin hatte Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen sein Publikum gewarnt. Für die meisten dürfte es kein schöner Abend werden, erklärte der Demografie-Experte mit Blick auf seine Zuhörer beim elften Mittelstandssymposium in der Lenneper Klosterkirche. Raffelhüschen, als Mitglied der "Rürup-Kommission" einer der Wegbereiter der rot-grünen Rentenreform, war dort der Gastredner.

Die Bevölkerungspyramide gehört zu seinem Handwerkszeug. Das verriet der Wissenschaftler dem RGA gestern vorab. Damit erklärt er in Vorträgen, was ohnehin nicht mehr zu retten ist: die Rente.

Denn die Pyramide ist längst keine mehr. Früher hatte sie einen breiten Sockel - das waren die Jungen - und eine schmale Spitze - das waren die Alten. Doch längst ist die Pyramide aus der Form geraten und hat in der Mitte einen Knubbel ausgebildet. "Das sind Sie", erklärte der Referent seinen Zuhörern.

Die Babyboomer, Raffelhüschen nennt sie "60 minus", haben nämlich eines nicht richtig gemacht im Leben: Sie waren viele und haben selbst zu wenige Kinder bekommen. Oder, wie der Professor es formulierte: "Da waren Sie ähnlich erfolgreich wie eine gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft." Da lachte der Minoritensaal.

Das Problem: "Wir wollen alle lange leben, nur bezahlen sollen das andere." Die Jungen nämlich, die immer weniger werden, aber immer mehr Alten finanzieren sollen. Die Folge: "Wir werden ein massives Akzeptanzproblem mit dem Generationenvertrag bekommen." Es sei denn, die Babyboomer richten es. Und zwar selbst, indem sie länger arbeiten. "Schließlich sind Sie das Problem", sprach Raffelhüschen in die Zuschauerreihen.

Nun unternimmt die Große Koalition in Berlin genau das Gegenteil. Dabei beschenke sie mit der Rente ab 63 eben nicht den körperlich hart arbeitenden Dachdecker - er bekomme gar nicht genug Rentenpunkte zusammen, um in den Genuss zu kommen. Beschenkt werde, wer sein ganzes Arbeitsleben auf seinem Platz habe verbringen können. "Zum Beispiel die Angestellten der Volksbank." Das lachte der Saal.

Gibt es da noch Aussicht auf Trost? "Ja", sagt der Wissenschaftler. "2075 - wenn Sie, die Babyboomer, nicht mehr hier sitzen. Dann werden wenige Junge wenige Alte finanzieren. Und alles ist wieder gut." Da lachte der Minortensaal wieder. Es war halt doch ein schöner Abend.

ZUR PERSON

Der Professor ist Finanzwissenschaftler an der Uni Freiburg. Forschungsschwerpunkte sind der demografische Wandel und die Systeme der sozialen Sicherung.

Raffelhüschen polarisiert. Unter anderem fordert er, dass Lehrer nicht mehr verbeamtet werden sollen. Die Rente mit 70 hält er für unausweichlich.

 

veröffentlicht im RGA am 12.11.2014