Joachim Gauck spricht in Lennep über Freiheit

"Da wo ich bin, möchte ich sein. Aber ich kann jederzeit gehen." So sieht Dr. Joachim Gauck die Freiheit, zu der er eine besondere Beziehung hat: "Eben weil ich sie so lange nicht hatte", erklärte der Pfarrer, Bürgerrechtler und Buchautor am Dienstagabend vor 200 Gästen.

Auf Einladung der Volksbank Remscheid-Solingen eG war Gauck am Dienstagabend zum traditionellen Volksbank-Symposium in die Lenneper Klosterkirche gekommen. "Freiheit - Verantwortung - Gemeinsinn. Wir in unserem Staat" hieß das Thema des Bürgerrechtlers, der 1940 in Rostock geboren wurde und im vergangenen Jahr die Wahl zum Bundespräsidenten gegen Christian Wulff verlor. 

 

"Als im Juni letzten Jahres eine Stelle vakant war und es hieß, man könne ja mal den Gauck fragen, da habe ich mich umgeschaut, welches Thema aktuell ist", erklärte er seinen zahlreichen Zuhörern in Remscheid. Angst und Verdruss fand er damals als Hauptthema. "Das mag der Deutsche", sagt Gauck heute. "Der fühlt sich nur wohl, wenn er sich unwohl führen darf." 

 

Kein Tsunami rafft die Rhein-Main-Ebene dahin Das Problem, sagt der Bürgerrechtler, der zehn Jahre lang als Bundesbeauftragter über die Stasi-Unterlagen gewacht hatte: Die Politiker schlagen daraus Kapital. Mit Blick auf den Atomausstieg bezeichnete er die rasche Wende der Regierenden als populistisch: "Oder kann sich jemand vorstellen, dass ein Tsunami die Rhein-Main-Ebene dahin rafft?"

Gauck will nicht, dass die Politik den Ängsten der Menschen folgt. Er will die Ängste - auch die vor Krankheiten wie zum Beispiel die Schweinegrippe - nicht mitfeiern. Und fragt sich, ob Angst und Verdruss wohl das Ergebnis eines 60 Jahre anwachsenden Wohlstands sind. 

 

In einer Diktatur verziehe sich die Freiheit in die Innenräume. Aber manchmal traue sie sich auch wieder raus, beispielsweise 1989: "Da haben wir uns nicht mehr von der Angst leiten lassen, sondern ihr den Abschied gegeben. Da wurde der schöne Satz geprägt ¯Wir sind das Volk®." Aber, sagt Gauck: "Wenn ein Mensch diesen Satz sagt, dann ist er ein Bürger mit allen Rechten und Pflichten." 

 

Gut könne er sich noch an den 18. März 1990 erinnern, als er zum ersten Mal eine freie Wahl erlebt hatte. Nie und nimmer würde er zukünftig eine Wahl verpassen: "Vorher war ich Staatsinsasse. Jetzt bin ich Bürger." Auch wenn er nicht immer genau wüsste, wer die Guten sind. Er sei ein Wechselwähler: "Und wenn ich mir nicht sicher bin, dann wähle ich die weniger Schlechten. Denn Freiheit bedeutet auch Verantwortung." 

 

© Sabine Naber, rga online portal 17.11.2011

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